Eine Ära geht zu Ende für Gravel-Events in Worms, Deutschland. Nach acht Jahren haben sich die Veranstalter entschieden, sich zurückzuziehen. Timo Rokitta aktueller Fahrbericht lässt jedoch vermuten, dass sie mit einem echten Highlight abgeschlossen haben. Der Siegfriedgravel ODW bot den Teilnehmenden die Möglichkeit, entweder eine 150 km- oder eine 200 km-Strecke zu fahren – beide führten durch atemberaubende Landschaften und boten großartiges Gravel-Erlebnis. Lies weiter, um mehr zu erfahren.

Mit dem Gravelbike durch Mythen und Muskelbrennen
Ein früher Morgen Anfang August. Die Sonne steigt langsam über die Dächer von Worms, während der Boden noch die Kühle der Nacht in sich trägt. Mehr als 50 Gravelbiker stehen mit funkelnden Augen und klopfendem Herzen am Start – bereit für ein Abenteuer, das Geschichte, Natur und sportliche Härte vereint: Der SiegfriedgravelODW. Eine epische Tour durch die Tiefen des Odenwaldes, über uralte Wege, wo einst Sagen geboren wurden und Helden zu Legenden wurden.

Einrollen durch das Reich der Ebenen
Der erste Abschnitt wirkt fast wie ein sanftes Wiegenlied vor dem Sturm. Flach und weit zieht sich die Strecke durch die Rheinebene. Die Bikes schnurren über den Schotter, Gespräche mischen sich mit dem Klicken der Schaltungen. Man spürt: Hier rollt kein gewöhnliches Peloton – hier rollt eine Schar von Abenteurern, die mehr suchen als nur Kilometer. Es geht nicht nur ums Fahren. Es geht ums Erleben. Die erste Herausforderung lässt dann auch nicht lange auf sich warten.
Um eine Bahnlinie zu unterqueren geht es unter einer alten Stahlbrücke hindurch. Hier heißt es Köpfe einziehen um sich nicht schon am Beginn der langen Tour sich zu verletzen.
Die Bergstraße: Der Odenwald zeigt sein wahres Gesicht
Doch mit dem ersten Anstieg ist es vorbei mit dem sanften Einrollen. An der sagenumwobenen Bergstraße erhebt sich der Odenwald wie eine steinerne Wand – 15 Prozent Steigung, gleich zu Beginn. Keine Gnade. Der Puls schießt in die Höhe, der Schweiß rinnt, die Beine brennen. Nach 34 Kilometern gibt es an einem Waldparkplatz die erste Verpflegung. Aber oben wartet der echte Lohn: ein Panoramablick vom 517 Meter hohen Melibokus, der bis in den Taunus reicht. Und ein Gefühl, das man nicht kaufen kann: Stolz.
Ins Reich der Riesen – Das Felsenmeer ruft
Die folgende Abfahrt ist nichts für schwache Nerven. Der ausgewaschene Trail windet sich technisch durch den Wald, Wurzeln und Steine verlangen volle Konzentration – und belohnen mit Adrenalin. Dann: das Felsenmeer bei Lautertal. Ein Ort, an dem Realität und Sage verschwimmen. Zwischen uralten Felsblöcken wird das alte Märchen von den zwei streitenden Riesen wieder lebendig. Wer gut hinhört, meint tatsächlich ein dumpfes Grollen zu vernehmen – ist es der Wind? Oder doch der Riese Felshocker aus der Sage, der unter den Steinen brüllt?

Zwischen Anstiegen und Atempausen
Nach einer kurzen Verschnaufpause am malerischen Rathaus von Elmshausen geht es direkt wieder zur Sache: Eine kurze 20-Prozent-Rampe stellt alles auf den Prüfstand – Schaltung, Herzfrequenz, Willen. Auf einer Anhöhe zweigt der Track abrupt nach links ab und es folgt ein technisch fordernder Singletrail entlang eines Stacheldrahtzaunes. Wer hier abschweift, landet schnell neben der Spur. Reichelsheim – mittelalterlich, verträumt, fast entrückt. Die engen Gassen, die alten Fachwerkhäuser – als hätte man eine Zeitreise gemacht.
Schussfahrt auf Gravel
Die Hochfläche der Tromm wird über eine rasante Schotterpiste erreicht, vorbei an Kunstwerken, Skulpturen, Symbolen – hier pulsiert Kultur am Wegesrand, aber keiner hat Zeit. Die 100-Kilometer-Marke naht, das Zeitlimit ist unerbittlich. An der Verpflegungsstelle auf der Kreidacher Höhe sind viele Teilnehmer merklich angezählt.
Auf den ersten 100 Kilometern habe sie sich schon unerbittliche 2.000 Höhenmeter in die Beine gepumpt, was natürlich seine Spuren hinterlassen hat. Die Gravelbiker der 150 Kilometer Strecke biegen hier rechts ab, die 200 Kilometer Helden der Langstrecke gehen von hier auf eine große Schleife, die fast bis nach Heidelberg am Neckar führt. Ein kurzer Halt am verwunschenen Kloster Lichtenklingen, dann geht’s mit Schwung weiter in Richtung Heiligkreuzsteinach, wo der längste Anstieg wartet: sieben Kilometer stetiges Klettern – mal sanft, mal fies.
Der Weiße Stein: Höhepunkt und Aussichtspunkt
Oben angelangt, wer noch die Kraft und den Mut hat, fährt weiter zum „Weißen Stein“. Für viele der spirituelle Höhepunkt der Tour. Ein würdiger Gipfel auf der Reise durch Mythos und Muskelkraft.
Die letzten Körner, die letzten Kilometer
Es folgt der südlichste Punkt der Strecke – mit einer Abfahrt, die das Herz höherschlagen lässt. Doch der Weg zurück ist ein harter: kurze, giftige Anstiege reihen sich wie Stolpersteine aneinander. Nach 130 Kilometern fühlen sich selbst kleine Hügel wie Alpenpässe an. Jeder Tritt kostet Überwindung. Doch auch das gehört zum Mythos: Ein wahrer Nibelungen - Held gibt nicht auf.
Finale am Rhein
Endlich, bei Kilometer 170, ist das ständige Auf und Ab ist Geschichte. Eine letzte lange Abfahrt – ein rauschender Flug in die Tiefe – führt zurück zur Bergstraße. Noch einmal 30 Kilometer feinster Gravelspaß, durch dichte Wälder, hin zum mächtigen Rhein. Doch der Wind hat was dagegen, er kommt stramm von vorne als würde er sich gegen die Teilnehmer stemmen. Die Rhein - Brücke naht – das Ziel ist in Sicht.
Ein Teller Pasta, eine Medaille – und das Gefühl, etwas Großes erlebt zu haben
Im Zielbereich mischt sich Erschöpfung mit Euphorie. Die Beine zittern, die Hände kleben von Schweiß und Schlamm, aber in den Gesichtern liegt ein Strahlen. Ein Teller Pasta, die hart verdiente Finisher-Medaille, die die Umrisse des Schotter-Abenteuers wiedergibt – und vor allem: das Gefühl, Teil von etwas Größerem gewesen zu sein. Einer modernen Nibelungensaga. Auf zwei Rädern, durch einen Odenwald voller Wunder.
Eine moderne Nibelungensage. Auf zwei Rädern durch einen Odenwald voller Wunder.
Der SiegfriedgravelODW war mehr als eine lockere Ausfahrt mit Freunden. Er war eine eindrucksvolle Reise. Eine Reise durch Geschichten, durch Märchen, durch Schotter und Schweiß und dabei immer fordernd. Und wer sie gemacht hat, wird sie nie vergessen – die letzte Schlacht der Nibelungen.
Wenn du Timos Reifenspuren folgen möchtest, findest du seine Route hier: